Verwahrlosung im Alter: Wie Angehörige auf Distanz handlungsfähig werden
Verwahrlosung i. S. v. Selbstvernachlässigung im Alter ist ein beachtenswertes Phänomen in unserer Gesellschaft. Zu- und Angehörige können wertvolle Unterstützung leisten, auch aus der Distanz.

Verwahrlosung - im Sinne einer Selbstvernachlässigung im Alter ist ein beachtenswertes Phänomen in unserer Gesellschaft. Angehörige und nahestehende Personen können wertvolle Unterstützung leisten, auch wenn diese nicht immer vor Ort sein können. Pflegeberaterin Birgit Loydl berät betroffene Zu- und Angehörige.
Mehr als ‚Unordnung‘ - Verwahrlosung erkennen
Mit Verwahrlosung werden häufig stark vernachlässigte Wohnbereiche verbunden; der Begriff ist aber weiter zu fassen. Von Verwahrlosung im Sinne von Selbstvernachlässigung spricht man, wenn die Grundbedürfnisse eines Menschen nicht mehr ausreichend erfüllt sind. Bei älteren Menschen kann sich dies neben einem verschmutzten Wohnbereich, zum Beispiel auch in vernachlässigter Körperpflege, in Fehl- bzw. Mangelernährung, fehlender Einnahme von Medikamenten oder in sozialem Rückzug zeigen. Eine eindeutige Abgrenzung zwischen einem alternativen Lebensstil und Verwahrlosung ist in der Praxis oft schwierig. Aufgrund eines ungepflegten Erscheinungsbildes oder einer chaotischen Wohnung lässt sich nicht per se von Verwahrlosung sprechen.

Menschen dürfen Entscheidungen treffen und auch Lebensweisen wählen, die andere für unvernünftig, für ungesund oder auch für schwer nachvollziehbar halten.
Birgit Loydl, Pflegeberaterin bei compass
Eine zunehmende Selbstvernachlässigung bei Menschen kann vielfältige Ursachen haben. Diese zeigen sich dann in verschiedenen gesundheitlichen, sozialen und biografischen Belastungen: Insbesondere bei älteren Menschen gelten kognitive Beeinträchtigungen wie Demenz als wichtige Einflussfaktoren. Hinzu kommen Depressionen, Suchterkrankungen oder psychiatrische Erkrankungen. Auch zunehmende Schwierigkeiten bei der Organisation des Alltags sowie belastende biografische Faktoren wie Traumatisierungen oder Verlusterlebnisse können Selbstvernachlässigung und damit einhergehend Verwahrlosung begünstigen.
Die betroffene Person verstehen – und aktiv werden
Die Unterscheidung zwischen Selbstvernachlässigung und einem individuelleren Lebensstil kann für Familienangehörige sehr schwer und auch belastend sein. Wichtig ist daher zu reflektieren, wann beispielsweise eine Wohnung nach den (früheren) Maßstäben des oder der Angehörigen ‚nur unordentlich‘ und wann sie als zunehmend als ‚vermüllt‘ zu betrachten ist. Verwahrlosungsentwicklungen verlaufen häufig schleichend und sind für Angehörige und andere nahestehende Personen, gerade wenn diese an einem anderen Ort leben, nicht immer gleich sichtbar. Daher sollten schon kleine Veränderungen in der Tagesroutine aufmerksam beobachtet werden; etwa bei der Körperpflege oder der Einnahme von Medikamenten.
Angehörige möchten sofort etwas tun und merken dann recht schnell, wie sie an ihre Grenzen kommen, weil der*die Betroffene erstmal alles ablehnt.
Birgit Loydl, Pflegeberaterin bei compass
Unterstützung suchen: Lokale Netzwerke und Pflegeberatung
Wird die Situation nach sorgfältiger Abwägung als zunehmend herausfordernd für die betroffene Person wahrgenommen, ist es wichtig, zeitnah Unterstützung zu suchen. Der Aufbau eines lokalen Netzwerks kann für die pflegebedürftige Person soziale, medizinische und organisatorische Verbesserungen und eine Stabilisierung ihrer Situation bedeuten. Die Hilfe sollte schrittweise organisiert und die pflegebedürftige Person bestmöglich mitgenommen werden. Bei gesundheitlichen Beschwerden oder dem Medikamentenmanagement kann die hausärztliche Praxis eine erste Anlaufstelle sein. Eine weitere niedrigschwellige und in der Regel kostenfreie Unterstützung unter anderem bei Selbstvernachlässigung bietet der Sozialpsychiatrische Dienst. Er wird meist von den Kommunen oder Kreisen getragen, bietet Beratung und zum Teil Unterstützung in Krisensituationen für Betroffene sowie für pflegende Angehörige.
Auch das nachbarschaftliche oder familiäre Umfeld kann zur Unterstützung der Person herangezogen werden. Birgit Loydl erläutert: „Mit dem Aufbau eines kleinen Netzwerks können Dinge des täglichen Lebens einfacher organisiert werden: Einkaufsdienste, regelmäßige Besuche oder die Fahrt zum*zur Arzt*Ärztin sind konkrete Unterstützungen, die dem Alltag Struktur geben, einer weiteren Verwahrlosung entgegenwirken und zur Stabilisierung der Gesamtsituation beitragen können.“
Auf den Punkt
Auch über die Distanz können Zu- und Angehörige in Situationen beginnender oder fortgeschrittener Selbstvernachlässigung wirksam unterstützen. Eine kurze Zusammenfassung zeigt die wichtigsten Schritte:
- Veränderungen sorgfältig beobachten und frühzeitig aktiv werden,
- die betroffene Person einbeziehen und kleine Schritte gemeinsam planen,
- bei Bedarf medizinischen Rat einholen,
- Pflegeberatung in Anspruch nehmen,
- Netzwerk aufbauen und in die Pflegesituation einbinden,
- die eigenen Grenzen stets wahrnehmen und für Entlastung sorgen.
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